Dienstag, 2. Juni 2009

Wieder wurde eine Pisa-Detailstudie veröffentlicht ...

... diesmal ging es um geschlechtsspezifische Unterschiede in Mathematik. Die Studie soll anführen, dass die mathematischen Fähigkeiten im Alter von etwa 10 bei Buben und Mädchen im wesentlichen gleich sind (übrigens Buben aber schon in diesem Alter signifikant schlechtere Leser) aber nach Absolvieren der Pflichtschule Mädchen signifikant schlechter in Mathematik und Burschen im Lesen.

Und wer ist schuld: Ja natürlich - die Lehrer (die Schule; blablabla - das übliche verkürzte Geplärre).

Zuerst einmal: Die Studie ist sicher seriös - seriös gemäß ihrer Methode und ihren Fragestellungen. Davon gehe ich einmal aus - schlicht eine Frage des Vertrauens in die Wissenschaft - auch in die empirische Sozialforschung.

Worin ich aber mit einer gewissen Skepsis reagiere, sind die Grundannahmen, die, so mag ich mal unterstellen, nicht benannt wurden in dieser Studie, die aber ganz wichtig sind, um diverse aus ihr folgende Maßnahmen in ihrer Erfolgsträchtigkeit beurteilen zu können.

Ich gehe mal sicher konform, dass die unterschiedlichen Leistungen gar nichts mit einer allfälligen hirnphysiologischen bzw. biologischen geschlechtsspezifischen Determination zu tun hat.  Aber die Verkürzung der Ursachen (zumindest ist das so medial vermittelt) auf einerseits strukturelle Bedingungen in allfälligen Schulsystemen, andererseits auf fachspezifische Didaktik ist mir etwas zu kurz geraten.

Ich denke, dass verschiedene Dinge einfach hier nicht entsprechend mitgedacht sind:
  • Peergroups (z.B. lesende Buben haben es in manchen sozialen Kontexten schwer; analog könnte es auch bei Mädchen bzgl. Naturwissenschaften sein)
  • lokale soziale Plausibilitäten (welche Berufe Mädchen und Burschen anstreben hängt nicht unerheblich von sozialen Kontexten ab)
  • was wird in Medien kommuniziert - und da rede ich mal von den berühmten Spätnachmittagssendungen - z.B. die bei heranwachsenden Mädchen so beliebten "Witches": da dreht sich mal schon vieles um "Girlpower" - alles geht mit Schlauheit, Attraktivität, ein wenig Magie und vor allem immer leicht. - Und DAS verfestigt und erneuert in moderner Weise so manches altes Rollenbild.
Diese drei Beispiele sind mir nur mal so auf die Schnelle eingefallen. Wichtig scheint mir, dass, anstatt sich wieder - wie üblich - im bildungspolitischen Hickhack zu verlieren (wie meist ohne positive Ergebnisse), man insgesamt gesellschaftlich beginnen soll, nachzudenken, Mädchen schon im Alltag Erfahrungsfelder zu öffnen, die sie bestärken, gemäß ihren Begabungen und Talenten ihren Lebens/Berufsweg zu wählen.

Vor ein paar Jahren haben wir mal schon begonnen, spielerisch Mädchen neue Erfahrungsräume aufzumachen (hat die Buben ein wenig neidisch gemacht damals *ggg*)



Möglicherweise werden wir nächstes Jahr wieder so ein ähnliches Programm anbieten. Den Mädchen hat es, glaube ich, gefallen ...

Kommentare:

Realschullehrer hat gesagt…

Lieber Gerhard,
keine Ahnung, woher Du jetzt auf einmal die Pisa-Studie nimmst - da hat in letzter Zeit nämlich nichts stattgefunden. Ganz neu ist sie jedenfalls nicht.
Und Dir scheint auch entgangen zu sein, dass die Pisa-Ergebnisse (jedenfalls in Deutschland) nicht objektiv, sondern selektiv ausgewertet wurden. Was ins (gewünschte) Bild passt, wird aus der Datenflut herausgepickt, was nicht passt, fällt unter den Tisch. So geschehen an unserer Schule, wo man die leistungsstärksten Mathe-Klassen (nämlich die Schüler aus dem naturwissenschaftlichen Zweig) aus der Mathe-Auswertung herausgenommen und nur die drei anderen Zweige (Wirtschaft, sprachlich und künstlerisch) in die Auswertung mit einbezogen hat. Es war vielleicht unerwünscht, dass bayerische Realschüler besser abschneiden als Bremer Gymnasialschüler?
Hier noch ein lesenswerter Link: http://www.finland.de/dfgnrw/dfg043a-pisa31.htm

Liebe Grüße
vom
Realschullehrer.

Gerhard Gruber hat gesagt…

Ich glaub', dass das im Kurier vor ca. 2 Wochen d'rinn' war - kann jetzt den Beleg nicht mehr so leicht rausholen - zur Zeitverögerung: Es ist scheinbar üblich (gerade im Kurier, weil da macht sich ein Unternehmensberater als eine Art "Bildungsgunkel" - Fachmann für alles und jedes im Bereich der Pädagogik und der Schule - wichtig - nur der richtige "Gunkel" alias der österr. Kabarettist Günther Paal ist unvergleichlich gut im Verhältnis zum Salcher - das ist nämlich der Name diese besagten "Bildungsgunkels") tröpfchenweise, wenn's passt oder man sonst noch Probleme hat, die Seiten zu füllen, irgendetwas aus der Versenkung zu holen und dann als ganz neue Erkenntnis hinzustellen.

lg Gerhard